Lohnt sich der Charyn Canyon, oder ist der Hype um den „kleinen Grand Canyon“ übertrieben? Nach unserer ersten Etappe mit dem Kaindy See ging es am zweiten Tag zum unteren Kolsai See und danach zum Charyn Canyon, dem meistfotografierten Naturziel der Region. Beide gehören zum Pflichtprogramm rund um Almaty, und beide haben wir an einem Tag geschafft, inklusive Rückfahrt in die Stadt.
In diesem Bericht erfährst du, wie der untere Kolsai See wirklich ist, warum wir im Charyn Canyon nicht bis nach unten gewandert sind und was uns die 44 Grad im Juli gelehrt haben. Wir waren am Samstag den 18. Juli 2026 zu zweit unterwegs, mit demselben privaten Fahrer und Guide wie am Vortag, und sind am Abend gegen 20 Uhr zurück in Almaty gewesen. Wenn du den ersten Teil verpasst hast, findest du ihn in unserem Bericht zu Tag eins mit Kaindy See, Black Canyon und Saty.



Fakten zum Charyn Canyon
| Merkmal | Angabe |
|---|---|
| Lage | Charyn Nationalpark, Almaty Region, Kasachstan |
| Entfernung von Almaty | rund 200 km, etwa 3 bis 3,5 Stunden Fahrt |
| Gesamtlänge des Canyons | rund 154 Kilometer |
| Tiefe | 150 bis 300 Meter |
| Alter | rund 12 Millionen Jahre |
| Gestein | roter Sandstein, geformt durch Wind und Wasser |
| Bekanntester Teil | Tal der Schlösser (Valley of Castles), rund 2 bis 3 km lang |
| Nationalpark gegründet | 23. Februar 2004 |
Stopp 1: Der untere Kolsai See
Gestartet sind wir am Morgen in Saty, und der erste Programmpunkt lag praktisch vor der Haustür. Der untere Kolsai See, auf Russisch Nizhny Kolsai, ist der erste und am leichtesten erreichbare der drei Kolsai Seen. Er liegt auf rund 1.800 Metern, ist etwa einen Kilometer lang und bis zu 80 Meter tief. Von Saty sind es nur rund 12 bis 14 Kilometer über eine mittlerweile asphaltierte Straße. Vom Parkplatz läufst du ein Stück hinunter, und dann liegt er vor dir: smaragdgrünes, klares Wasser, ringsum dichte Nadelwälder und Berge. Man nennt die Kolsai Seen die „Perle des nördlichen Tienschan“, und beim unteren See versteht man auch, warum die Kasachen ihre Bergregion gern mit der Schweiz oder Kanada vergleichen.


Was man hier macht
Der untere Kolsai See ist der entspannte unter den dreien. Während die höher gelegenen Seen echtes Trekking mit mehreren Stunden Aufstieg verlangen, kannst du hier einfach ankommen und die Gegend genießen. Wir sind rund drei Stunden geblieben, ein Stück am Ufer entlanggewandert und haben in einem der Cafés am See etwas getrunken. Es gibt Tretboote, Pferde und ein paar einfache Verpflegungsstände. Für einen ruhigen Vormittag in schöner Kulisse ist das ideal.
Ehrlich bewertet: Der untere Kolsai See hat uns besser gefallen als der Kaindy See vom Vortag. Er ist zugänglicher, das Wasser ist klar und tiefgrün, und die Kombination aus Nadelwald und Bergen wirkt geschlossener und stimmiger. Wer Zeit und Kondition hat, kann von hier aus in etwa drei Stunden zum mittleren Kolsai See auf 2.250 Meter aufsteigen, der als der schönste der drei gilt. Wir haben es beim unteren See belassen, weil danach noch der Charyn Canyon auf dem Plan stand.
Voll war es auch hier. Der untere Kolsai See ist gut erschlossen und entsprechend beliebt, gerade im Hochsommer am Wochenende. Wenn du Ruhe suchst, komm früh oder unter der Woche.
Stopp 2: Charyn Canyon und das Tal der Schlösser
Vom Kolsai See ging es zurück Richtung Almaty, und auf dem Weg liegt der Charyn Canyon, das bekannteste Naturziel der ganzen Region. Rund 200 Kilometer östlich von Almaty schneidet der Charyn River eine 154 Kilometer lange Schlucht in die Steppe. Über zwölf Millionen Jahre haben Wind und Wasser den roten Sandstein zu bis zu 300 Meter tiefen Wänden und bizarren Türmen geformt. Der berühmteste Abschnitt ist das Tal der Schlösser, auf Englisch Valley of Castles, ein rund zwei bis drei Kilometer langer Canyon, dessen Felsformationen tatsächlich an Burgen und Türme erinnern. Der Vergleich mit dem Grand Canyon in den USA drängt sich auf, und genau als dessen kleiner Bruder wird der Charyn Canyon oft vermarktet.


Warum wir nicht runtergewandert sind
Und jetzt die ehrliche Ansage: Wir sind nicht durch das Tal der Schlösser gewandert. Der Grund war banal und brutal zugleich, es hatte 44 Grad. Im Canyon steht die Hitze, weil unten kaum Wind geht. Die Wanderung führt vom oberen Rand hinunter auf den Talboden und dann rund zwei bis drei Kilometer bis zum Charyn River. Runter geht es leicht, der Rückweg bei praller Sonne und dieser Hitze ist dagegen eine echte Quälerei. Uns war das Risiko und die Anstrengung den Aufwand nicht wert, also sind wir oben am Rand geblieben, sind ein Stück an der Kante entlanggelaufen und haben von dort fotografiert.
Von oben ist die Wirkung durchaus da. Die roten Felstürme, die Weite, die Tiefe, das hat was. Aber uns fehlt natürlich der Teil, der viele am meisten begeistert, nämlich unten zwischen den Felswänden zu stehen. Wenn du bei erträglichen Temperaturen kommst, solltest du die Wanderung auf jeden Fall machen. Für den Rückweg gibt es übrigens alte Sowjet-Kleinbusse, die dich gegen Gebühr wieder hochfahren, falls dir der Aufstieg zu viel wird.
Ehrlich bewertet: schön, aber überlaufen und heiß
Der Charyn Canyon ist das visuell stärkste Ziel der zwei Tage, keine Frage. Aber er ist auch das am meisten besuchte. 2024 kamen rund 117.000 Menschen hierher, siebenmal so viele wie noch 2020, und das merkst du. Es ist einiges los. Kombiniert mit der Hitze war der Charyn für uns eher ein solider Pflichttermin als ein magischer Moment. Schön, ja. Umwerfend, für uns nicht ganz.
Essen und Trinken am zweiten Tag
Kulinarisch haben wir es am zweiten Tag pragmatisch gehalten und uns selbst mit Snacks versorgt. Das war keine reine Notlösung, sondern die vernünftigste Option. Am unteren Kolsai See gibt es zwar Cafés, aber die Auswahl ist überschaubar und für Vegetarier wie Martina schnell an der Grenze. Am Charyn Canyon selbst ist die Verpflegung ebenfalls dünn und im Zweifel überteuert.
Unser Tipp bleibt derselbe wie für den ersten Tag: Pack dir genug Wasser, Obst und Riegel ein. Gerade bei 44 Grad ist ausreichend Wasser kein Komfort, sondern Sicherheit. Auf vegetarische Vielfalt solltest du in dieser Region generell nicht hoffen, die kasachische Küche ist stark fleischgeprägt. Wer fleischlos isst, kommt mit eigenen Vorräten am entspanntesten durch den Tag.
Praktische Tipps für Kolsai See und Charyn Canyon
Der wichtigste Tipp betrifft die Reisezeit und die Hitze. Im Hochsommer kann der Charyn Canyon unerträglich heiß werden, unsere 44 Grad sind kein Ausreißer. Wenn dir die Wanderung ins Tal der Schlösser wichtig ist, plane sie für den frühen Morgen oder komm gleich in einer kühleren Jahreszeit. Die beste Zeit für die Canyon-Wanderung ist eher der Frühherbst, wenn die Temperaturen fallen, aber die Wege trocken bleiben.
Zur Anfahrt: Bis zum Parkplatz am Tal der Schlösser kommst du auch mit einem normalen Auto, die Straße ist bis kurz vor dem Eingang asphaltiert. Allrad brauchst du erst, wenn du in den Canyon hineinfahren willst, was für die klassische Wanderung nicht nötig ist. Anders sieht es bei den Kaindy- und Kolsai-Pisten aus, dort ist Allrad sinnvoll bis nötig.
Zum Budget: Wie schon am ersten Tag war alles Teil unserer privaten Zweitagestour für 170.000 Tenge, rund 320 Euro, inklusive Fahrer, Guide, Auto, Parken und Eintritten. Der Nationalpark-Eintritt für den Charyn Canyon liegt für sich genommen bei unter einem Euro pro Person, fällt also kaum ins Gewicht. Wie sich die Reisekosten in Kasachstan insgesamt zusammensetzen, haben wir in unserem Artikel wie teuer ein Urlaub in Kasachstan wirklich ist aufgeschlüsselt. Und für alle, die sich um die Reisesicherheit Gedanken machen, gibt es unseren Beitrag wie sicher Kasachstan ist.
Plane für die Rückfahrt genug Zeit ein. Von der Region zurück nach Almaty sitzt du je nach Ausgangspunkt gut vier bis fünf Stunden im Auto. Wir waren erst gegen 20 Uhr wieder in der Stadt, es wird also ein langer Tag.



Einordnung: das Golden Triangle rund um Almaty
Kolsai See, Kaindy See und Charyn Canyon werden gern als das Golden Triangle der Almaty Region zusammengefasst, oft ergänzt um den Nationalpark Altyn-Emel. Der Reiz liegt genau in der Kombination: An einem einzigen langen Wochenende siehst du einen Alpensee, einen versunkenen Wald und eine rote Wüstenschlucht. Landschaftlich könnte der Kontrast kaum größer sein, und deshalb funktioniert die Zweitagestour so gut. Wer nur einen der drei Orte ansteuert, verpasst genau diesen Effekt.
Der Charyn Nationalpark ist dabei mehr als nur das Tal der Schlösser. Auf seinem Gebiet leben laut Parkverwaltung über 1.500 Pflanzenarten, dazu Dutzende Säugetier- und Vogelarten. In einem geschützten Auwald wächst hier die seltene Sogdische Esche, ein Baum, den es in dieser Form kaum noch irgendwo gibt. Für den normalen Tagesbesucher spielt das keine große Rolle, es zeigt aber, dass die Region ökologisch mehr hergibt als das eine Instagram-Motiv.
Wie sich die drei Ziele geografisch verketten, haben wir im Detail in unserem Bericht zu Tag eins mit Kaindy See, Black Canyon und Saty beschrieben. Kurz gesagt: Kaindy und Kolsai liegen beide nah bei Saty, der Charyn Canyon dagegen deutlich näher an Almaty, weshalb er sich gut auf dem Rückweg mitnehmen lässt, so wie bei uns.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Lohnt sich der Charyn Canyon?
Ja, als visuelles Ziel ist der Charyn Canyon beeindruckend, gerade das Tal der Schlösser mit seinen roten Felstürmen. Zwei Einschränkungen gibt es aber: Im Hochsommer wird es im Canyon extrem heiß, und der Ort ist stark besucht. Wer bei kühleren Temperaturen und früh kommt, hat das beste Erlebnis.
Wie weit ist der Charyn Canyon von Almaty entfernt?
Der Charyn Canyon liegt rund 200 Kilometer östlich von Almaty. Die Fahrt dauert etwa drei bis dreieinhalb Stunden, die letzten Kilometer bis zum Parkeingang sind eine flache Schotterpiste, die auch normale Autos schaffen.
Kann man Kolsai See und Charyn Canyon an einem Tag verbinden?
Ja, wir haben beide an unserem zweiten Tag gesehen und sind abends nach Almaty zurückgefahren. Das funktioniert, ist aber ein langer Tag. Entspannter ist es, die Region auf zwei Tage aufzuteilen und in Saty zu übernachten.
Muss man im Charyn Canyon die Wanderung machen?
Nein, du kannst auch oben am Rand bleiben und von dort fotografieren, so haben wir es wegen der Hitze gehalten. Das eigentliche Erlebnis ist aber die Wanderung durch das Tal der Schlösser bis zum Fluss. Für den Rückweg gibt es Kleinbusse, falls der Aufstieg zu anstrengend ist.
Wie kalt ist das Wasser im Kolsai See?
Der untere Kolsai See ist auch im Sommer kalt und steigt selten über acht Grad. Zum Schwimmen ist das nichts für Warmduscher, für ein kurzes, sehr erfrischendes Bad reicht es. Die meisten bleiben aber am Ufer und genießen die Aussicht.
Welcher der Kolsai Seen ist der schönste?
Der untere See ist der zugänglichste und am schnellsten erreichbar. Als der schönste gilt allerdings der mittlere Kolsai See auf 2.250 Metern, den du in rund drei Stunden Wanderung erreichst. Wer nur den unteren See sieht, bekommt einen guten Eindruck, verpasst aber den Teil, den viele am meisten loben.
Unser Fazit zu Tag zwei
Der zweite Tag war für uns der stärkere. Der untere Kolsai See hat uns mit seinem klaren, grünen Wasser und der geschlossenen Bergkulisse besser gefallen als der Kaindy See vom Vortag. Der Charyn Canyon ist optisch das Highlight der ganzen Region, wurde für uns aber durch zwei Dinge gebremst: die brutale Hitze von 44 Grad, die uns die Wanderung ins Tal gekostet hat, und der starke Andrang.
Insgesamt gilt für beide Tage dasselbe Fazit. Cool war es, aber der ganz große Wow-Effekt blieb aus, auch weil es einfach zu heiß war und weil wir nach der Mongolei viele ähnliche Landschaften schon in wilderer Form gesehen haben. Für Reisende, die zum ersten Mal in Zentralasien unterwegs sind, ist die Kombination aus Kolsai, Kaindy und Charyn ein echtes Erlebnis. Unser konkreter Rat: Plan die Canyon-Wanderung nicht in die Mittagshitze, nimm dir für die Kolsai Seen bewusst Zeit statt nur abzuhaken, und rechne mit vielen Mitreisenden. Dann wird der zweite Tag zum Höhepunkt der Tour.






